D’Raith Schwestern und da Blaimer: Musik mit Humor, Gefühl und ganz viel Farbe

noname (1)Sie mögen’s bunt. Das verrät zumindest bereits der Titel des vorletzten Albums von „D’Raith Schwestern und da Blaimer. I mog’s bunt nennt sich das nämlich. Wer da schon mal hineingehört hat, der bekommt einen ersten Einblick in die Musik und das kreative Schaffen der Band, die im bayerischen Wald zu Hause ist. Und da steckt tatsächlich jede Menge (Klang-)Farbe drin. Wie offen und vielseitig sie sind, wird mir persönlich aber auch noch einmal nach einem ganz besonderen Gespräch mit Tanja Raith bewusst.

Könnt ihr euch unseren Lesern in ein paar Worten vorstellen?

D´Raith-Schwestern und da Blaimer, das sind in der Kernbesetzung Tanja Raith an der Steirischen, Susanne Raith an Gitarre und Hackbrett sowie der Multiinstrumentalist Andi Blaimer, der hauptsächlich die Gitarre bedient. Singen tun wir alle.

Wir haben mehrere Programme: Zwei aufwändig produzierte, aber ganz traditionelle Volksmusikprogramme mit Lesungen, nämlich “Wissts wou mei Hoamat is” und “Altbayerischer Advent”, bei denen wir an der Tuba und dem Kontrabass Frank Feulner oder Robert Bischoff dabei haben. Das Wirtshausliederprogramm, das wir früher spielten, gibt es in der Form nicht mehr. Wir sind musikalisch weitergezogen, weil es uns von jeher nicht möglich ist, länger als zwei Jahre immer wieder das Gleiche zu tun. Routine hat keine kreative Kraft und wir wären dann nicht mehr authentisch, sondern stumpf.

Für ein feststehendes Image ist es wahrscheinlich sehr schwierig, aber wir haben uns grundsätzlich auch nie in eine Schublade stecken lassen. Wir sind ja kreative Künstler mit einem weiten Horizont und vielen Möglichkeiten, die sich auf der Bühne weiterentwickeln wollen. Damit meine ich nicht nur musikalisch, sondern auch intellektuell. Man lässt sich nicht einsperren, nur weil man mit etwas gerade erfolgreich ist. Zwar haben wir das Glück, von unserer Kunst leben zu können, dennoch hat sich weder einer von uns jemals des Geldes oder des Erfolges wegen verbogen, noch sind wir käuflich. Man sagt uns deshalb auch nach, wir seien schwierig (lacht).

noname0Volksmusik trifft Popkabarett
Da haben wir zum Glück auch ein sehr treues Publikum an unserer Seite, das uns auf dieser Reise begleitet. Neben den beiden Volksmusikprogrammen gibt es alle zwei Jahre ein neues Programm mit Songs in den unterschiedlichsten Stilrichtungen – von Pop über Soul bis Funk, Rock und Bossa Nova in bayerischer Mundart und Anekdoten aus unserem Leben.

“Hart aber Herzlich” ist der Name unseres derzeit aktuellen „Popkabarett“-Programms, das wir seit Januar 2017 spielen. Mit dabei sind Schlagzeug und E-Bass und wir haben eine wunderbare Truppe doppelt besetzt mit Max Seelos und Matthias Baumann am Schlagzeug sowie Philipp Zimmermann und Marco Klement am Bass.

Wir trennen also das „Popkabarett“, in dem wir machen können, was wir wollen, strikt vom traditionellen Volksmusikprogramm. Bei letzterem sind wir im Auftrag unserer Ahnen unterwegs. Dafür setzen wir uns respektvoll mit Leidenschaft und Liebe ein, um die Lieder und Geschichten unserem Publikum wieder zugänglich zu machen.

Wie habt ihr dann angefangen, gemeinsam Musik zu machen?

Formiert haben wir uns 2003 zusammen mit der Avantgarde-Jazz-Formation Negerländer. Eigentlich sollte diese experimentelle Fusion nur eine einmalige Sache für das Mundartfestival in Stadtamhof sein. Die Wege trennten sich bald wieder, als „Abspaltprodukt“ blieben dann aber D´Raith-Schwestern und da Blaimer übrig. D´Raith-Schwestern deshalb, weil sie schon von Kindesbeinen an mit ihrer Mutter jedes Wochenende auf traditionellen Volksmusikveranstaltungen als Familiengesang oder als Geschwister Raith unterwegs waren; da Blaimer deshalb, weil Andi Blaimer damals als Solo-Musikkabarettist tourte. Eine „Fusion in der Fusion“ quasi. Damals nannten wir das, was wir machten, „Wirtshausmusik“. Dabei konnten wir natürlich mit unserem Volksmusikhintergrund aus dem Vollen schöpfen. Der Blaimer ergänzte das Ganze mit seinem kabarettistischen Talent.

noname (3)Das alles ist ohne großes Zutun von selbst angelaufen und man hat uns die Türen eingerannt. Vor allem, weil wir als Antwort auf die tümelnd-verlogen-sexistischen Scheinheiligkeit der sauber-braven Volksmusikpropheten einfach mal die Rollen umgedreht haben und uns nicht im braven Dirndl, sonder dominant und frech in Lederhosen, mit lauten Stimmen und Machosprüchen auf die Wirtshaustische gestellt haben. Der Blaimer hat dabei den unterwürfigen Deppen gespielt, der nix zu sagen hat. Das war die Antwort von uns an die Männerwelt: Ein Spiegel, auf den tätschelnden Sexismus, auf die kleinen und bodenlosen Frechheiten, die uns als junge Mädchen immer wieder bei Volksmusikveranstaltungen begegnet sind.

Das mit unserem burschenhaften Auftreten in Lederhosen war damals ein regelrechter Skandal in der Szene, vor allem beim BR. In Internetforen hat man sich fleißig über uns ausgelassen, diskutiert, geschimpft und uns beleidigt, wir würden Tradition und Volksmusik kaputtmachen. Offensichtlich hat man hauptsächlich nur die Optik wahrgenommen, nicht die Inhalte. Verstanden hat das wohl keiner, oder… Vielleicht wollte es auch keiner verstehen. Denn sonst wäre es nicht so, dass sich mittlerweile zwar die Lederhosen als Kleidungsstück bei Frauen etabliert haben (auch im BR!), von dem Ansinnen, Frauen anständig zu behandeln sowie von Gleichberechtigung ebenso wie Gleichbehandlung ist aber praktisch noch immer keine Spur vorhanden. Im Gegenteil: Die Frauen sind es selbst, die naiv ihr „Weibchenschema“ pflegen und sich als unterwürfiges Lustobjekt in kurzen Lederhosen und kurzem Verstand scheinbar pudelwohl fühlen – das ist wohl jetzt unsere Schuld (grinst).

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Wie seid ihr überhaupt zur Musik gekommen und welche Rolle hatte die Musik insgesamt immer in eurem Leben?

Unsere Mutter legte meiner Schwester und mir die Musik in die Wiege. Seit wir vier Jahre alt sind, singen wir und treten öffentlich auf. Im Laufe der Jahre sammelte ich viele Erfahrungen bei bekannten und weniger bekannten Eigen- und Fremdproduktionen in Jazz, Rock, Pop, Musical, Chanson, Theater. Meine Schwester Susanne sang Rock und Gospel. Der Blaimer war mit afrikanischen und amerikanischen Bands unterwegs. Den hab ich übrigens auch durch die Musik bei einer Band kennengelernt. Ich sag‘ immer: „Wir haben den schönsten Job, auf der Welt!“ Menschen mit unserer Musik und Kunst glücklich machen zu können ist einfach wunderbar – ein Beruf, der gleichzeitig Berufung ist und unser Leben erfüllt. Die Musik und vor allem die kreative Arbeit ist – und da spreche ich auch für meinen Mann – neben der Familie das Wichtigste in unserem Leben. Sie durchwirkt und bestimmt es und gibt uns Kraft.

Musik ist ja nicht nur da, um zu unterhalten. Welche Macht hat Musik? Was kann Musik eurer Meinung nach bewegen?

Musik kann uns beruhigen, aufrütteln, uns zum Lachen und zum Weinen bringen. Melodien können uns in die früheste Jugend zurückversetzen, in verschiedensten Situationen bringen. Melodien erinnern uns an unsere Eltern und Großeltern. Melodien wecken positive wie negative Emotionen. Musik ist da, um zu heilen, aufzuklären, zu werben, zu foltern, zu hetzen, zu agitieren, zu werben, um krank zu machen… Kurzum, sie erzeugt Stimmungen in den tiefsten Tiefen unserer Seele, sie ist ein Teil unserer Entwicklung und ein enorm mächtiges Werkzeug!

Wie würdet ihr eure Musik selbst beschreiben und einordnen?

Unsere Musik ist der Spiegel unserer Entwicklung. Das Volksmusikprogramm ist uns sehr wichtig und ans Herz gewachsen, denn das sind die frühesten Wurzeln, die wir von unserer Mama mitbekommen haben. Jedes Mal, wenn wir eines dieser Volksmusikstücke spielen, wird ein Teil unserer Jugend wach. Und damit auch Erinnerungen an die einzigartigen, unvergesslichen Volkssänger, Gruppen und Freunde, die wir auf den vielen Veranstaltungen kennenlernen durften, auf denen wir mit unserem Familiengesang musiziert haben. Diese Musik ist Balsam für die Seele. Ich denke, das geben wir unserem Publikum auch mit.

nonameSehr bewegend sind immer unsere Konzerten mit “Wisst´s wou mei Hoamat is”. Nach der Veranstaltung kommen oft sehr viele Leute auf uns zu und erzählen uns ihre Geschichte zu bestimmten Liedern. Das ist großartig! Beim unserem „modernen“ Programm geben wir den Leuten etwas mit, das wir aus uns selbst schöpfen. Also Dinge und Gefühle, die wir fühlen und die uns persönlich beschäftigen. Ob das nun politische Themen sind, Liebeslieder oder wie bei Blaimer die Songs übers Altern (lacht).

Jeder Auftritt ist einzigartig. Habt ihr vielleicht eine kleine Anekdote für die musikantenstammtisch.com-Leser auf Lager?

Ja, es gibt viele Anekdoten und die witzigsten und schönsten davon sind mittlerweile ein fester Bestandteil in unseren Programmen. Ein Beispiel: Als ich vor dem Lied “Mei bist du a Scheena” einen Herrn im Publikum fragte, wie lange er denn schon mit seiner Frau verheiratet sei, antwortete er: „25 Jahre.“ Ich sagte, dass ich das beachtlich fände. Darauf er: „Ja, i fahr ja a mei Auto solang bis hi is.“

Habt ihr Vorbilder?

Vorbilder, dass wir sagen könnten der oder der Künstler oder die oder die Künstlerin wäre ein Idol für unser Schaffen – das gibt es nicht. Aber wir hören viel Musik und summieren damit unsere musikalischen Erfahrungen. Natürlich gibt es Künstlerinnen und Künstler, die wir respektieren und deren Arbeiten wir toll finden, aber wir stehen ja für uns und machen unser eigenes Ding. Allerdings gab es in meiner Jugend schon bayerische Stars, die mich stark beeindruckt haben, zum Beispiel Hans-Jürgen Buchner… Wenn sie auch keinen direkten Einfluss auf unsere Musik hatten – motiviert hat es mich immer auch selbst Musik zu machen, wenn ich ihre Platten hörte. Freilich gibt es auch kreative Pausen, in denen wochenlang nichts passiert. Das ist ganz normal und die sind auch nötig, um wieder Kraft zu tanken, aber dann bohrt sich wieder ganz unvermittelt ein Satz oder ein Melodiefetzen ins Hirn. Den wird man dann nicht mehr los und schon sitzt man wieder mit Papier, Bleistift und Gitarre da und arbeitet weiter.

Eure Ausstrahlung, eure direkte Art und vor allem auch die Tatsache, dass ihr über euch selbst lachen könnt, sind mir bei euch sofort aufgefallen und machen euch so sympathisch. War das schon immer so?

Ja, das war bei uns immer schon so. Daran ist unsere Mama schuld (grinst). Man darf sich nicht so wichtig nehmen als „Pfürzchen im Weltall“.

Seid ihr vor den Auftritten überhaupt noch nervös?

Nein, nervös sind wir nicht.

Wie oft probt ihr?

Einen ausgeklügelten und perfekt terminierten Probeplan gibt es bei uns nicht. Wir schreiben, machen und entwickeln ständig etwas Neues. Neue Bilder, neue Lieder, Entwürfe, Konzepte – wir planen, entwerfen und verwerfen. Die meisten Ideen verlassen nie das Haus… Und die, die unbedingt raus wollen, setzen sich dann irgendwann von selbst durch. Das heißt, wir arbeiten auch an unseren Liedern so lange und intensiv, dass sie – wenn die letzte Fassung steht – dadurch schon geprobt und arrangiert sind. Wir schreiben die Arrangements dann noch auf und brauchen mit unseren Musikern, die ja alle versierte Profis sind, vielleicht noch ein, zwei Proben vor einem neuen Programm oder einem neuen Song.

noname (2)Anscheinend erleben wir einen Wandel im volksmusikalischen Bereich. Viele junge Leute “bekennen” sich wieder zur ursprünglichen und handgemachten Musik mit traditionellen Instrumenten. Woran liegt das eurer Meinung nach?

Ich glaube der Mensch ist nicht gemacht für die Informationsflut und die Globalisierung, der er ausgesetzt ist. Die Welt schrumpft. Distanzen werden mittels Datenleitungen überbrückt, man fliegt heute nach Paris, morgen in die USA und nächste Woche nach China. Man hört alle Radiostationen der Welt, hat überall alle Informationen und Nachrichten mittels Smartphone parat, sieht wie ein Fahrrad in China umfällt, ist umzingelt von Sendemasten und bestellt mal während seiner appgesteuerten Fitnessphase schnell was im Netz, das drei Tage und zehntausende von Kilometern später im Briefkasten landet. Warum? Um die Gier nach Konsum zu befriedigen, sie aber letztendlich nicht stillen kann, weil Waren keine wahren Werte ersetzen können. Jeder ist jederzeit überall erreichbar und soziale Netzwerke gaukeln Freundschaften vor, die es nicht gibt. Wenn die Umgebung, in der man lebt, zu weit, zu groß wird, bekommt man leicht das Gefühl, verloren zu sein.

Entwurzelung durch die Globalisierung führt zur Verwurzelung im Lokalen

Man sucht Strukturen, die einem vertraut sind, Halt geben, real existent und greifbar sind, echte Beziehungen und soziale Interaktionen und Bindungen mit Menschen, die ähnliche Erfahrungswerte haben, weil sie beispielsweise in der gleichen Gegend aufgewachsen sind. Die Suche nach Gewohnheiten, Gemeinsamkeiten und Vertrautheit beginnt. Die Entwurzelung durch die Globalisierung führt zur Verwurzelung im Lokalen, zur Identifikation mit der Heimat. Ich denke, das ist einer der Hauptgründe, warum sich junge Menschen wieder Rückzugsgebiete und Inseln schaffen, sich zu Tradition und Brauchtum bekennen, eben weil sie nicht irgendwo auf 510 Millionen Quadratkilometer Erdoberfläche verloren sein wollen. Wir haben da ein schönes Bild zu unserem Programm “Wissts wou mei Hoamat is” gemacht, das wir immer bevor das Programm losgeht, auf die Leinwand projizieren. Darauf steht eben dieser Programmtitel und darunter ist die Erde vom Weltall aus zu sehen…

Was wünscht ihr euch für die Zukunft der Volksmusik?

Die Zukunft der Volksmusik liegt in der Hand unsere Nachfahren. Wir vertrauen ganz darauf, dass sich die Volksmusik so entwickelt wie sie soll.

Was sind eure persönlichen Ziele und eure musikalischen Ziele?

Unser persönliches Ziel ist gerade erstmal durchschnaufen, nachdem wir letztes Jahr zwei neue Programme auf die Haxen gestellt haben. Aber ab nächster Woche geht‘s schon wieder weiter mit der CD zum aktuellen Programm Hart aber Herzlich und dann schreiben wir natürlich schon wieder am nächsten Programm.

Danke für das besondere Interview und die persönlichen Einblicke in eure Musik und euer Leben!

Veronika Leikam

Veronika Leikam

Seit über zehn Jahren bin ich mittlerweile Mitglied einer Blaskapelle. Daher kommt wohl auch meine Sympathie zur Blasmusik, denn dort kam ich ab der zweiten Klasse in den Genuss traditioneller Volksmusik und wurde jahrelang mit viel Engagement, Geschick und Geduld an die (bayerische) Musik herangeführt. Mit musikantenstammtisch. com habe ich das Glück, meine Freude an der Musik sinnvoll einzubringen, interessante Menschen und Gruppen kennenzulernen – vor allen Dingen aber kann ich dadurch zwei meiner großen Hobbies verbinden: die Musik und das Schreiben.
Veronika Leikam
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